Sebastian

der künstler

 

 

Etwa vor einem Monat waren wir auf der Eröffnung von 2 Ausstellungen im Rahmen des kulturellen Austausches zwischen Moskau und Düsseldorf. Ich als ein von Kunst besessener, aufs Deutschland gerichteter Mensch konnte mir die Künstler nicht entgehen lassen.

Jenen Abend stellten zwei Fotografen ihre Werke vor. Nach dem erfolgreichen Gespräch mit uns (ich befürchte in solchen Momenten, dass mein Blick vor Begeisterung zu verrückt wird) und nach einem Paar Ratschläge ("wenn ihr Künstler seid, machr ihr euch nach Berlin nicht auf, dort werdet ihr kein Geld verdienen") eines von denen, Sebastian Wickeroth hat zugestimmt, sich noch einmal zu treffen und ausführlicher von seinen Werken zu erzählen.

 

In erster Linie wollte ich dich von deinem Studium an der Künstlerakademie Fragen: wie bist du zur Idee gekommen an deiner Akademie immatrikuliert zu werden?

– Also, ich hab‘ schon seit meiner Schulzeit viel gemalt und gezeichnet. Und hab‘ ich sehr früh für Kunst interessiert und sehr früh künstlerisch gearbeitet. Dann habe ich erstmal Architektur studiert: einfach aus dem Grund, weil es sehr schwer war als Künstler, sein Leben zu schreiben, einfach Geld zu verdienen. Das war mir damals absolut klar und ich hatte auch ein großes Interesse für Architektur und darum hab’ ich erstmal Architektur studiert und wollte dann so zu sagen, künstlerisches Schaffen mit einem vernunftigen Beruf in Verbindung bringen und das ist aber leider gescheitert.

Ich habe 2 Jahre Architektur studiert, habe es dann aufgehört und Architektur, dieses Studium hat einen großen Einfluss gehabt, auf meine künstlerische Arbeit, die ich jetzt mache und ich bin immer noch sehr, sehr interessiert in Architektur .

Also mir wurde ziemlich schnell klar, dass ich kein Architekt werden wollte, sondern Künstler und deshalb habe ich mich an der Akademie beworben und bin aufgenommen worden. Und wie gesagt, ich habe versucht einen vernunftigen Beruf zu erlernen, es hat aber leider nicht funktioniert - es hat ja quasi gescheitert - und dann habe ich meinen Herzenswunsch gefolgt, Kunst zu studieren und das zu verfolgen.

Wie verläuft das Studium an solcher Künstlerakademie?
–  Das Studium in Deutschland ist sehr frei und offen, es ist ganz anders als Studium in England oder in den USA, wo es sehr theorielästig ist. In Deutschland gibt es ein weitergehendes Klassensystem, also man studiert im ersten Jahr in einem Orientierungsbereich, wo alle Studenten des ersten Jahrgangs zusammenstudieren und erstmal ihren eigenen Artvokabular entwickeln, erstmal gucken, was wollen sie dort machen, in welcher Richtung möchten sie arbeiten und dann, im zweiten Jahr geht man in eine Klasse also zu einem Professor und das Studium findet weitestgehend innerhalb dieser Künstlerklasse statt, also du machst einfach was du machen möchtest - ohne jeglicher Anleitung, ohne jeglicher Vorgabe.

Und dann gibt es einen sehr-sehr überschaubaren theoretischen Teil an den Seminaren, die man machen muss: Kunstgeschichte, Kunsttheorie, Philosophie… es waren – zu meiner Zeit – waren es 5 Seminare, die ich belegen musste im gesamten Studium und was es gar nicht gibt in Deutschland ist, dass man Techniken beigebracht bekommen: man lernt nicht zu malen, man lernt keine bildhauerische Technik ,also man kann so genannte Werkstattkurse machen, man kann in einer Holzwerkstadt, in einer Steinwerkstatt zum Beispiel oder in einer Metallwerkstatt einen Kurs belegen und da bildhauerische Techniken erlernen, aber das ist völlig freiwillig, da gibt es keinerlei Vorgaben ob und wie viel man von diesen Kursen machen muss, es hat nichts mit dem Abschluss zu tun. Und die eigentliche wirkliche Prüfung, die ich in meinem Studium absolviert habe, war meine Abschlussprüfung und die bestand aus einem 10-minitigen Gespräch mit 3 Professoren über meine praktische Arbeit.

 

Was haben sie Gesagt?
–  Oh (lacht) das ist zu lange her.  

 

Wie ist denn die gesellschaftliche Stellung zu den Künstlern in Deutschland? so dass befürchten die Eltern nicht, dass ihr Kind seine Zukunft verlieren kann, hält man es nicht für eine Fehlentscheidung, wenn man sich für eine Künstlerkarriere entscheidet?
–  Also es ist mit dem großen Risiko behaftet. Auf jeden Fall haben sich meine Eltern damals große Sorgen gemacht und machen sich immer noch große Sorgen, aber in gewisser Weise konnte ich diese Befürchtung entkräften, indem ich mich schon -  ja, seit meinem Abschluss an Akademie liegen jetzt schon 12 Jahren zurück - also indem ich schon seit vielen Jahren beweist habe, dass ich dieses Leben so leben kann und für mich selbst sorgen kann. Und die Stellung in der Gesellschaft… die würde ich als zwiegespalten beschreiben: einerseits ist die Stellung des Künstlers in der Gesellschaft eine sehr hohe Stellung, eine sehr-sehr angesehen Stellung, eine fast der Gesellschaft übergeordnete Stellung…


…Zu denjenigen Künstlern, die schon etwas erreich haben, die den guten Ruf haben?
–  Ja, aber allgemein die Stellung des Künstlers als wichtiger Bestandteil der Gesellschaft, es ist sehr hoch angesehen wirklich. Andererseits – und deswegen zwiegelspalten – dem widersteht die ökonomische Realität von Künstlern, nämlich die, dass es ist nur 3 bis 5 Prozent der Absolventen einer Kunstakademie schaffen, mit ihrer Kunst genug Geld zu verdienen und davon leben zu können. Und es hat als Folge, dass viele Künstler nebenbei arbeiten müssen, weniger auf der Kunst konzentrieren können (und da diese Störung stattfindet, aber was ihr meint … ja du hast von der Verortung des Künstlers in der Gesellschaft gefragt und es gibt verschiedene Arten der Verortung in der Gesellschaft und wenn es sich um ein materieller Gesichtspunkt geht, dann sieht es so aus, dass 97 Prozent aller Künstler in sehr-sehr bescheidenen materiellen Verhältnissen leben, nebenbei arbeiten müssen und) in schlechten Wohnungen, in schlechten Ateliers leben und das eigentlich im Widerspruch zum hohen Ansehen des Künstlers in der Gesellschaft steht.


Mich interessiert noch wie kann man bestimmt wissen, dass man ein Künstler ist, woher ist dieses Glauben, dass man wie „vom Gott“ begabt ist?
–  Das setzt natürlich ein bestimmtes Bild des Künstlers voraus, also was ist ein Künstler eigentlich: und dann gibt es ein genialistisches Bild des Künstlers; dass der Künstler ein Genie ist,  der Künstler… er schafft, der Künstler - ja, genau, wie du sagst -  vom Gott quasi eingesetzt als ein Stellvertreter, ein Stellknapper unter Jesus oder so was. Das ist eher ein so veraltetes Bild von diesem genialen Künstler und ich vertrete dieses Bild nicht; ich glaube, dass Kunst Arbeit ist und es gibt Menschen mit Talent es gibt Menschen mit weniger Talent…

 

Und Menschen mit Motivation...
–  Und es gibt Menschen mit Motivation - und beides ist wichtig. Die Motivation ist sogar viel wichtiger als das Talent. Also der Wille, etwas zu tun und der Wille, eine Aussage zu treffen ist viel bescheinender als Talent. Man muss heutzutage nicht gut zeichnen oder malen können. Das kommt darauf überhaupt nicht an, es kommt darauf an, ob man etwas zu sagen hat, ob man etwas sagen möchte und ob man sein Leben wirklich in den Dienst dessen stellen möchte: etwas zu schaffen, etwas zu sagen.

Und darum es gibt wahrscheinlich gute und weniger gute Künstler, es gibt gute und weniger gute Kunst... aber ich kann natürlich mich selber... ich finde, dass ich ein guter Künstler bin, aber das ist gar nicht so entscheidend. Entscheidend ist das, was auf den Tisch kommt, das, was du machst und das es nicht nur für mich eine Wichtigkeit hatte, sondern auch für andere Menschen eine Wichtigkeit hatte, denn Kunst geschieht aus dem Austausch mit anderen Menschen: es geht darum, dass man etwas macht, was andere Menschen betrachten, bewerten, dass andere Menschen Inspiration daraus ziehen, dass es zu einem Dialog kommt sowohl zwischen den Betrachtern und der Arbeit, als auch zwischen den Betrachtern und dem Künstler. Das ist das Wichtige.


Aber kommt es oft vor, dass du eine Aussage dem Kunstwerk beibringen wolltest und ein Betrachter eine andere Aussage, eine andere Idee drin findet?
–  Absolut, absolut, das kommt oft vor, das ist ganz normal, glaube ich, und das ist auch nicht schlimm, denn um das zu vermeiden muss man die Kunst so klar, so streng, so lineal formulieren, dass keine andere Interpretation möglich ist und dann wäre die Kunst langweilig, denn es keine Kunst mehr ist. Ich kann nicht behaupten, dass Kunst so zu geschaffen ist, dass der Betrachter seine Bedeutung dasselbe erschließt, also ich denke, der Künstler intendiert eine Bedeutung, liegt es in seine Kunst rein und dass die Rezeption der Kunst, dass dann die Auffassung von dem Betrachter davon abweicht ist ganz klar. Aber dass darf natürlich nicht eine Beliebigkeit ausarten insofern, dass die Bedeutung so offen ist, dass alles daran interpretiert werden kann, das ist auch klar, denn sonst muss der Künstler gar keine Bedeutung, keine eigene Intension in die Arbeit legen. Und das, glaube ich, liegt in der Verantwortung des Künstlers, seine Kunst so zu erschaffen, dass er dem Betrachter einen Freiraum gibt, aber natürlich keinen unendlich großen Freiraum, so dass keine Beliebigkeit entsteht.


Und nun zu deinem Stil. Ich habe mir deine Werke angeschaut und die Artikel auf deiner Seite gelesen und daraus erschlossen, dass du die avangardischen Formen mit der Zerstörung von Anfang an verbindest: wie bist du zu dieser Form gekommen und ist es schwer, immer eine neue Aussage in diese Formen zu bringen?
–  Also es geht dabei nicht um die Zerstörung dieser Form, wie es in den Texten geschrieben ist, sondern um einen konzeptiven Aspekt, um die Erschaffung genau dieser Form, die  in dieser Weise erscheint, in dieser scheinbar zerstörter Form, also ich nehme eigentlich keinen Klotz und schlage es nicht auf den Boden und erst dann zerstört bekomme, sondern ich baue diese Skulptur genauso vorsichtig und präzis auf, wie es sieht dann am Ende.

Das ist genau ein sehr wichtiger Aspekt: also die Konstruktion der Dekonstruktion und im gewisser Weise… ja, was mich interessiert sind diese Dialektik: also These, Antithese, Synthese der Form, die Zersetzung der Form und in dem Fall meiner Arbeit ist die Synthese zwischen der Zerstörung und der Schaffung und das ist der wesentliche Gedanke dieser Arbeit. Es geht nicht um die moderne, es geht schon in gewisser Weise um die Verhandlung von der modernen Kunst heutzutage, von Entwicklung der Kunst, von der Veränderung der Transformation, aber das ist in erster Linie dieser Gedanke von Dialektik, von These, Antithese und Synthese, die ich versuche in dieser Arbeit zu verwirklichen, das ist eigentlich der Kernpunkt dieser Arbeit.


Und wohin deiner Meinung nach bewegt sich die Kunst jetzt, was werden die Künstler in ein 100 Jahre schaffen?
–  (lacht sich krank) Wir leben entweder in der Postmoderne oder schon in der Zeit nach der Postmoderne und demensprechend in einem hochgradisch pluralistischem Zeitalter, also es gibt nicht mehr die eine Strömung in der Kunst, sondern es gibt vielfältige Strömungen und es gibt nicht eine Richtung, wie sich die Kunst entwickelt und selbst wenn sie das täte, könnte sowohl ich, als auch niemand anderes vorhersagen, wie sie sich entwickelt (lacht wieder).

Aber unter dem Gesichtspunkt, dass dieses hochgradisch pluralistischen Zeitalters...kann man sich noch viel weniger…. also und das ist eine hochspannende Zeit…  also ich persönlich finde nicht so spannend die Frage, wohin sich die Kunst entwickelt, sondern ich finde viel spannender die Frage, wie sich unsere Gesellschaft entwickelt –  wie sich die Menschheit entwickelt im Hinblick auf künstliche Intelligenz, im Hinblick auf technische Entwicklung und auf die daraus resultierenden Probleme, die entstehen und entstehen werden und die Kunst wird darauf reagieren und andersrum kann die Kunst schon jetzt nicht darauf reagieren, sondern Impulse geben, wie diese gesellschaftliche Entwicklung irgendwie voran gehen kann und soll. Aber das ist für mich eine viel wichtigere Frage, was wir an diesem ganz wichtigen Punkt in der Menschengeschichte tun werden, wie wir uns entwickeln werden und es ist noch ein Punkt von …es gibt eineunglaubliche Beschleunigung, wie wir uns entwickeln, wie sich die Welt entwickelt und das ist absolut unvorhersehbar, was passieren wird

 

Vielleicht werden wir als Menschheit schon nicht existieren.
–  Absolut möglich… oder nicht in dieser Form existieren, sondern eher in der Form…


In digitaler Form?
–  Oder zumindest in hybrider Form, dass künstlerische Intelligenz immer näher an uns rückt und sich mit uns verbindet und dass wir unsere Intelligenz mithilfe künstlerischer Intelligenz emporheben, dass wir uns dadurch weiterentwickeln – aber ja, das ist für mich persönlich eine viel wichtigere Frage, als wie sich die Kunst entwickelt – und die Kunst wird darauf reagieren oder wird darauf dann antworten, glaube ich.